Integrale Medizin: Was bedeutet „gesunde Ernährung“?

Die meisten von uns nehmen sich zu Jahresanfang viel vor – oft neben mehr Bewegung und Sport im Hinblick auf die kommende Strandsaison auch mal wieder eine Diät, oder? UND – Hand auf`s Herz: haben Sie schon irgendetwas davon umgesetzt oder sind Sie immer noch dabei?

Was bedeutet denn „gesunde Ernährung“ wirklich? Ich will mich diesem Thema widmen und mit dem heutigen Artikel einen Start in eine Reihe von Artikeln zu diesem Thema starten.

Wenn ich als Arzt die wissenschaftliche Literatur von Kollegen und Wissenschaftlern lese, die sich intensiv mit dem Thema gesunde Ernährung/gesunde Lebensweise auseinandergesetzt haben UND es mit meinen Erfahrungen aus meiner 13 jährigen eigenen Praxis verknüpfe, komme ich zu der Gewissheit, dass uns Menschen auf der körperlichen Ebene im Wesentlichen drei Dinge krank machen und die sogenannten Zivilisationskrankheiten entstehen lassen:

Die drei Ursachen für Zivilisationskrankheiten

1) Die durch zu viel konsumierten isolierten Zucker, schnell verfügbare Kohlenhydrate und zu viel tierische Produkte ausgelöste Insulinresistenz – welche über die Jahre zu Diabetes mellitus führt und viele weitere Gesundheitsrisiken wie ein erhöhtes Krebsrisiko in sich birgt.

2) Der oxidative Stress, der durch die vielzitierten „freien Radikale“ entsteht – die wiederum  insbesondere durch Tabakrauch, Übergewicht und zu wenig Bewegung freigesetzt werden.

3) Ein gestörter Mineralstoff – und Säure-Basen Haushalt, der schon immer in der Naturheilkunde eine zentrale Bedeutung hatte und von den bekannten Pionieren der Ernährungsmedizin wie Dr. Max Otto Brucker (vitalstoffreiche Vollwertkost), Prof. Lothar Wendt (Eiweißspeicherkrankheiten), Dr. Maximilian Oscar Bircher-Benner (Bircher-Müsli und Rohkost) ins Zentrum ihrer Therapiekonzepte gestellt wurde.

Leider ignoriert die Schulmedizin diese wissenschaftlich gut gesicherten Erkenntnisse bis heute weitgehend. Auch die Pharmaindustrie zeigt bisher wenig Interesse an dessen Berücksichtigung. Ein Schelm könnte behaupten, Medikamente und teure Therapien verkaufen sich besser – und werden ehrlicherweise von vielen Menschen auch besser akzeptiert – als grundlegende Ernährungs- und Lebensstilumstellungen, deren Empfehlung sich aus diesen drei wesentlichen kausalen Zusammenhängen für viele Krankheiten unserer Zeit  ergeben.

Zunächst eine kurze Erklärung der vorausgegangen drei Krankheitsursachen:

Insulinresistenz:

Darunter versteht man ein vermindertes Ansprechen der Körperzellen auf Insulin. D.h., die eigentliche Aufgabe des Insulins, den Zucker in die Zelle zu transportieren wo die Glukose gebraucht wird, kann das Insulin immer weniger erfüllen. Es verbleibt mehr Zucker im Blutgefäßsystem als es der Gesundheit zuträglich ist.

In den letzten Jahren stehen die Kohlenhydrate aufgrund ihrer Blutzuckerwirkung insbesondere im Rahmen von Diäten im Fokus. Sie werden differenziert betrachtet indem ihr gykämischer Index (GI) und ihre gykämische Last (GL) berücksichtigt werden. „GI“  beschreibt die Wirkung eines Kohlenhydrats auf den Blutzucker innerhalb der ersten zwei Stunden nach dem Verzehr; je höher der GI, desto schneller steigt der Blutzucker im Blut an.  „GL“ beschreibt, wie viele Kohlenhydrate ein Lebensmittel pro 100 Gramm hat und wie es sich auf den Blutzucker auswirkt.

Hohe Blutzuckerschwankungen, die durch Nahrungsmittel mit hohem GI und GL ausgelöst werden, wirken sich negativ auf den Stoffwechsel aus. Noch nachteiliger wirken aber hohe Insulinkonzentrationen selbst auf den Stoffwechsel. Z.B. erhöhen das Insulin und Insulinähnliche Wachstumsfaktoren (IGF’s) das Zellwachstum, die Fetteinlagerung und die Cholesterinsynthese.

Deswegen haben neben Kohlenhydraten mit hohem GI (Zucker, Weißmehlprodukte) auch zu viele tierische Produkte (Fleisch- und Milchprodukte) negative Wirkungen, da diese die Insulinausschüttung steigern – noch mehr die Kombination von Beidem. Übergewicht und hohe Insulinkonzentrationen gehen mit erhöhten Hormonkonzentrationen, Entzündungsfaktoren und Vorstufen von krebserregenden Faktoren einher und schaffen somit optimale Bedingungen für die Entstehung von Krebszellen. Der Verzehr von zu vielen tierischen Nahrungsmitteln korreliert mit der Entstehung von zu hohen Insulinkonzentrationen, Insulinresistenz, Übergewicht, dem Stoffwechselsyndrom, Diabetes mellitus Typ 2 und Krebserkrankungen.

Oxidativer Stress:  

Oxidativer Stress bedeutet, dass der Körper schädliche freie Radikale nicht mehr ausreichend abfangen kann. Er ist maßgeblich am Alterungsprozess des Körpers beteiligt, da er die Reparatur- und Entgiftungsfunktion der Körperzellen beeinträchtigt. So kann oxidativer Stress beispielsweise zur vorzeitigen Bildung von grauen Haaren und vorzeitiger Hautalterung führen. Menschen, die unter hohem oxidativem Stress leiden, haben häufig Beschwerden wie Erschöpfungssyndrome oder Erinnerungslücken und leiden häufiger an entzündlichen Krankheiten.

Auch bei sonnenbedingter Hautschädigung spielt oxidativer Stress durch den massiven „Angriff“ der freien Radikale eine signifikante Rolle. Studien belegen den Zusammenhang von oxidativem Stress und dem Auftreten der Parkinson-Erkrankung und anderen neurodegenerativen Leiden. Da oxidativer Stress zudem als eine Vorstufe von Ablagerungsprozessen in den Gefäßen angesehen wird, gilt er auch als Mitverursacher bestimmter Herz-Kreislauf-Erkrankungen, beispielsweise der koronaren Herzkrankheit.

Neben Maßnahmen wie mit dem Rauchen aufzuhören, der aktiven Stressreduktion im Alltag, ausreichend körperlicher Bewegung, kann eine gesunde, ausgewogene Ernährung dazu beitragen, ein gesundes Gleichgewicht, die sogenannte „oxidative Homöostase“ wiederherzustellen. Eine unausgewogene Ernährung mit zu viel tierischem Eiweiß oder kurzkettigen Kohlehydraten (Zucker, Weißmehlprodukte), aber auch industriell gefertigte Lebensmittel, begünstigen die Entstehung von oxidativem Stress. Denn speziell die auf Haltbarkeit ausgelegten industriellen Lebensmittel machen zwar satt, aber liefern nicht genügend Mikronährstoffe und Antioxidantien.

Mineralstoff – und Säure-Basen Haushalt:

Unsere moderne westliche Ernährungsweise, einhergehend mit Bewegungsmangel und Dauerstress bewirkt eine deutliche Verschiebung des Natrium-Kalium-Verhältnisses und einen Überschuss an Säurebildnern.

Das Zuviel an tierischen Eiweiß und Fertignahrungsmitteln in unserer täglichen Nahrungsaufnahme produziert aus deren Abbau Sulfate, Phosphate und Chloride, was zu starker anorganischer Übersäuerung führt. Gleichzeitig hat die Zufuhr von basenbildenden Lebensmitteln (Z.B. Citrate aus pflanzlicher Vollwertkost) abgenommen. Zudem entsteht in unserem Körper ein unnatürliches Natrium-Kalium Verhältnis (zu viel Kochsalz, zu wenig kaliumreiche Kost) wodurch sich die zellulären Ionenverhältnisse negativ verändern.

Naturvölker (z.B. Yanomami-Indianer), die sich salzarm und über viel pflanzliche Kost kaliumreich ernähren, kennen keinen Bluthochdruck und im Alter auch kein Nierenversagen. Bei uns dagegen ist der Bluthochdruck ab einem Alter von 50-60 Jahren „normal“ – und wird mit blutdrucksenkenden Medikamenten beantwortet. Bluthochdruck wird durch die unnatürliche Verschiebung des Natrium-Kalium Verhältnisses mitbedingt. Bei älteren Menschen sehen wir in unseren Arztpraxen eine zunehmende Schwäche der Nierenleistung, was bei den Naturvölkern ebenfalls kaum vorkommt. Auch das ist eine Folge der Verschiebung des Mineralstoffhaushaltes und des Säure-Basen-Haushaltes.

Der Elektrolyt- und Säure-Basen-Haushalt sind miteinander untrennbar verknüpft und müssen im Zusammenspiel betrachtet werden. So führt eine akute Übersäuerung (Azidose) zu einem deutlichen Anstieg des Blutkaliumspiegels, während eine latente Übersäuerung zu einem Mangel an Kalium und Magnesium in der Körperzelle und einem Kalziumverlust im Knochen führt.

Gesunde Ernährung ist keine Raketenwissenschaft

Vergessen Sie Diäten und kurzfristig angestrebte Erfolge und helfen Sich sich und Ihrem Körper, die Balance zu halten oder wiederzufinden, denn – es ist doch „eigentlich“ so einfach:

  • Trinken Sie täglich zwei Liter reines Wasser, Grün-oder Kräutertee!
  • Essen Sich sich satt mit gering verarbeiteter, vielseitiger, verträglicher Pflanzen- und Vollwertkost!
  • Reduzieren Sie möglichst tierische Lebensmittel, Weißmehlprodukte, weißen Zucker und Salz!
  • Treiben Sie regelmäßig Sport und bewegen sich viel an der frischen Luft, wenn es „noch“ nicht in einem sportlichen Sinne geht, dann im Rahmen von ausgedehnten Spaziergängen, die durchaus immer flotter werden dürfen!
  • Schaffen Sie Räume der Entspannung beim Yoga, der Meditation oder einfach nur der bewussten Minipause und fokussieren Sie sich mehrmals am Tag auf das, was für Sie wirklich „wesentlich“ ist.

Seien Sie es sich wert – und der Sommer und ein langes, gesundes Leben kann kommen, ganz ohne Diäten! 

Ihr Matthias Struve



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